Ein kurzer Auszug aus dem Buch (Seiten 9 - 14):
1. Einleitung
Welche Gefühle verbinden wir mit diesem Satz? Kinder brauchen Grenzen, darüber sind sich alle Fachleute einig, Grenzen allerdings, die in Liebe und zuverlässig gesetzt werden. Kinder, die ohne Grenzsetzungserfahrungen aufwachsen, können innerlich ohne Halt, nach außen hin orientierungslos werden. Wir brauchen Grenzen, um uns im Leben zurecht finden zu können. Grenzen zeigen den Weg an, wie die Leitplanken einer Autobahn. Um in diesem Bild zu bleiben, diese Leitplanken schützen auch gleichzeitig die Autos vor einander, so wie es Grenzen im Leben tun.
Ein besonderes Anliegen dieses Leitfadens, ja geradezu sein Schwerpunkt ist, es zu erklären, dass Grenzerfahrungen auch stärkend und heilsam für unsere Kinder sein können. Es ist also zunächst im Sinne des Kindes dringend notwendig, dass Eltern zu einem verantwortungsvollen, in Liebe erfolgten Grenzen-Setzen angeleitet werden. Aber nicht nur für Kinder, sondern auch für Eltern! Denn sehr oft und sehr leicht erleben diese sich als überfordert und hilflos, mit ihren Kindern, die Grenzen überschreiten oder (noch) keine kennen, zurecht zu kommen. In vielen Begegnungen zeigt sich, dass Grenzen-Setzen den meisten schwer fällt. Wir wären froh, wenn wir immer nur Ja zu sagen bräuchten, auch zu unseren Kindern. Dem Widerstand oder den Schwierigkeiten dieses Neins der Grenze würden wir gerne ausweichen. Wir alle haben unsere Erfahrungen mit dem Grenzen-Setzen, als solche, die Grenzen setzten, und als solche, die Grenzen gesetzt bekamen! 1.1. Unsere persönliche Geschichte mit dem Grenzen-SetzenWir alle haben unsere eigene Geschichte mit dem Grenzen-Setzen, ebenso unsere Gesellschaft und unsere Zeit. Grenzen wurden schon immer gesetzt, wenn auch manchmal willkürlich, heimlich, nachgiebig, reaktiv, aggressiv und/oder mit körperlicher Gewalt.
Ich erinnere mich an manche Autofahrt mit den Kindern am Rücksitz. Meistens auf
der Heimfahrt, wenn es ihnen zu langweilig wurde, fingen sie miteinander zu
streiten an und lauter zu werden. Dies wiederum regte mich als Fahrer auf, auch
weil es mich ablenkte. Wenn sie dann meinen mehr oder weniger ärgerlichen
Anweisungen, Ruhe zu geben, nicht nachfolgten, habe ich, der möglichst auf Gewalt
in der Erziehung verzichten wollte, mal so heimlich, im Dunklen des Autos, nach
hinten gegriffen, und mal so zugezwickt, was mir da an Kinderbeinen oder -händen
in die Finger kam.
Verwirrend viele Gefühle und Gedanken können für Eltern mit dem Grenzen-Setzen verbunden sein: Wir meinen, dass es uns um eine neue Art und Weise des Grenzen-Setzens gehen muss, die wir die dialogische nennen (in Anlehnung an den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, der diesen Begriff bekannt gemacht hat.) Dies erfordert eine menschliche Reife und einen eigenen Lernprozess, zu dem wir ermutigen und auch Anregungen geben möchten, in einer dialogischen Haltung Grenzen zu setzen. Was sollten wir schon vorläufig unter dialogischer Haltung beim Dialogisch-Grenzen- Setzen (in Zukunft D-G-S abgekürzt) verstehen? (Kap.3 dann mehr) Die dialogische Haltung gewinnt dadurch zusätzlich an Notwendigkeit, dass Grenzerfahrungen auch stärkend und heilsam für unsere Kinder sein können: Jede Grenze hat nämlich zwei Gesichter, eine schützende und ein bedrohliche. Ohne eine dialogische Haltung kommt es zu keiner schützenden Grenz-Erfahrung beim
Kind.
1.2. Das Doppelgesicht der GrenzeDie meisten schätzen Ps.139,5 "Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir." als ein Wort der Geborgenheit und des Schutzes.Schauen wir uns diesen Vers nicht in der Übersetzung Martin Luthers, sondern in der von Martin Buber an: "Hinten, vorn engst du mich ein, legst auf mich deine Faust.", dann stellen sich anstelle von Geborgenheit Gefühle der Bedrohung, der Einengung oder der Ausweglosigkeit ein. Beide Übersetzungen sind vom hebräischen Grundtext her legitim. Und beide Gefühlsmomente, Geborgenheit oder Bedrohung, können auch bei jeder Grenzsetzungserfahrung entstehen, wenn auch manchmal nur im Ansatz, manchmal auch als innere Entscheidungsmöglichkeit für eines der beiden Grundgefühle. Deshalb sprechen wir von dem Doppelgesicht der Grenze. Als Menschen einer gefallenen Schöpfung wird für uns bei jeder Grenzsetzungserfahrung der Aspekt der Bedrohung und Einengung stärker im Vordergrund stehen. Dialogisch-Grenzen-Setzen möchte die andere Seite der Grenze, ihr anderes Gesicht,
nämlich die Gefühle der Geborgenheit und der Sicherung aktivieren, zumindest als
Entscheidung ermöglichen. Doch zunächst wir, wie gesagt, jede Grenze, die wir gesetzt bekommen, für uns, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, eine Bedrohung darstellen, die Gefühle der Angst oder der Ablehnung auslösen kann. In welchem Maße dies geschieht, wird durch drei Faktoren bestimmt: Grenzsetzungswiderfahrnisse - und das ist nun ein spezielles Ziel des D-G-S, geben eine Chance, nicht lediglich frühere Ablehnungserfahrungen und seine Reaktionen darauf zu wiederholen und zu stabilisieren, sondern vielmehr aufgrund der dialogischen und tröstenden Erfahrung beim Grenzen-gesetzt-Bekommen zu einem vertrauensvollen Einwilligen zu finden. Dabei können sich wesentliche personale Basiskompetenzen wie v.a. das Urvertrauen nach entwickeln. Das Kind bekommt eine Entscheidungsmöglichkeit für einen Vertrauensschritt, weil es im D-G-S für sich eine doppelte Botschaft empfängt: Die gleiche Person, die ihm nach seinem Empfinden übel will, weil sie eine Grenze setzt, steht dennoch zu ihm, bricht die Beziehung nicht ab, lehnt es (das Kind) nicht ab, bleibt bei ihm. Und, wenn das Kind diesen Vertrauensschritt wagt, kann Misstrauen in seinem Herzen besiegt werden. | |||||
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